Das Jugendfriedensprojekt der Anne-Frank-Gesamtschule Gütersloh: „Begegnungen mit Israel und Palästina" (1993 – 2012)

Partnerschaft der Anne-Frank-Schule Gütersloh mit der Evangelical-Lutheran School of Hope in Ramallah (www.elcjhl.org)Partnerschaftsurkunde

„Im interkulturellen Austausch und durch zwischenmenschliche Begegnungen sollen unsere Schülerinnen und Schüler ihre eigene Identität entdecken und den respektvollen, demokratischen und gewaltfreien Umgang mit dem Anderen lernen. Ihre Bildung und ihre Erfahrungen sollen Bausteine für den Frieden und die Verständigung zwischen den Völkern sein."

(Auszug aus der Partnerschaftsurkunde zwischen der Evangelical-Lutheran School of Hope, Ramallah und der Anne-Frank-Schule, Gütersloh)

Namenspatenschaft Anne Frank

Die Namenspatenschaft prägt unsere schulische Arbeit in der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Leben Anne Franks, dem Judentum, dem Holocaust, dem Staat Israel und Palästina. Aus der Namenspatenschaft leiten sich zentrale Erziehungsziele wie die Erziehung zu Toleranz und demokratischem Handeln, zum Eintreten für die Menschenrechte ab. Unsere Schule hat es sich zur Aufgabe gemacht, „gegen jede Form von Diskriminierung wie Antisemitismus, Neofaschismus und Ausländerfeindlichkeit" (Namensgebungsfeier der Schule) vorzugehen und Anne Franks Erbe weiterzutragen.

Wie alles begann:

Leidensweg jüdischer Zwangsarbeiterinnen

Ehemalige jüdische Zwangsarbeiterinnen 1995 am Gedenkstein in Kaunitz dem Ort ihrer Befreiung
Ehemalige jüdische Zwangsarbeiterinnen 1995 an der Gedenktafel in Kaunitz dem Ort ihrer Befreiung
Ehemalige jüdische Zwangsarbeiterinnen 1995 am Gedenkstein in Kaunitz, dem Ort ihrer Befreiung

Unser Jugendfriedensprojekt begann als Forschung zur nationalsozialistischen Geschichte in unserer Heimat: Es ging um die Rekonstruktion der Leidenswege jüdischer Zwangsarbeiterinnen, die in einem Arbeitslager in Lippstadt nahe Gütersloh unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten und am 1. April 1945 bei Kaunitz (heute Kreis Gütersloh) auf dem Todesmarsch nach Bergen-Belsen von der US-Armee befreit wurden.
Mit dem Besuch von elf der ehemaligen jüdischen Zwangsarbeiterinnen im Oktober 1993 in Gütersloh entwickelten sich zwischenmenschliche Kontakte, die 1996 zu dem ersten Besuch einer Schülergruppe in Israel führten.Der so entstehende versöhnende Dialog mit Israelis und Juden war Inhalt zweier internationaler Begegnungsfahrten von Schülerinnen und Schülerndes 12. Jahrgangs (erste Begegnungsfahrten nach Israel 1996 und 1998). Im Mittelpunkt stand hier das Zusammentreffen der deutschen Schülerinnen und Schülern mit israelischen Jugendlichen der Mae Boyar High School in Jerusalem. Ein wichtiger Bestandteil aller Begegnungsreisen nach Israel und Palästina war und ist stets die Auseinandersetzung mit dem Holocaust (u.a. Yad Vashem, Treffen mit Holocaust-Überlebenden).

 

Ab 1998 Schulaustausch mit der Evangelical-Lutheran School of Hope (Ramallah)

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2005 vor einem Berliner Mauerrest
Die palästinensischen Schüler betonten, „ihre“ Mauer sei mit bis zu 8m viel größer und „schöner“.

Die Erfahrungen der ersten beiden Fahrten überzeugten uns, dass dieser Dialog zwischen Deutschen und Israelis, Christen und Juden, wenn er friedenstiftend und zukunftweisend sein sollte, zu einem Trialog erweitert werden sollte, in den auch die Palästinenser, Moslems wie Christen, mit einbezogen werden. Im Rahmen der Begegnungsfahrt im Herbst 1998 wurde ein erster Kontakt zur Evangelical-Lutheran School of Hope in Ramallah aufgenommen. Wir konnten die große Gastfreundschaft der palästinensischen Familien im Sommer 1999 beim ersten Gegenbesuch von Schülerinnen und Schülern aus Ramallah in Gütersloh erwidern. Zeitgleich war auch erstmals eine israelische Gruppe der Mae Boyar High School in Gütersloh zu Gast.

Seither entwickelte sich der Kontakt zur School of Hope in Ramallah intensiver als der zu unserer israelischen Kontaktschule. In den folgenden Jahren mussten wegen der zunehmenden Eskalation der Lage im Nahen Osten einige Begegnungsreisen nach Israel und Palästina ausgesetzt werden. Dennoch konnten wir fast in jedem Jahr Besuche palästinensischer Jugendlicher in Gütersloh und Deutschland ermöglichen.

In den Jahren 2004 und 2005 fanden wieder gegenseitige Austauschprogramme statt, wobei wir allerdings in das Nachbarland Jordanien ausweichen mussten um die palästinensischen Jugendlichen in ihrer Kultur zu treffen.

 Unterzeichnung der Urkunde
 Unterzeichnugn der Urkunde 2
 Unterzeichnung der Urkunde 3
Feierliche Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde im Sommer 2002.
Die Schülerin Dominique Schluckebier (oben), die Schulleiterin der AFS, Frau Dr. Obbelode, der Schulleiter der SoH, Herr Abu Gazaleh, die Bürgermeisterin der Stadt Gütersloh, Frau Unger (oben rechts) und die Leiterin des Schülerorchesters der AFS, Frau Pollmeier (rechts).

Im Sommer 2002 organisierten wir eine zweiwöchige deutsch-palästinensische Lehrerfortbildung, an der eine 15-köpfige Kollegengruppe aus Ramallah trotz der erheblichen Reiseschwierigkeiten teilnahm. Im Rahmen dieses Besuches wurde unter der Schirmherrschaft von Bürgermeisterin Maria Unger die offizielle Schulpartnerschaft zwischen der Anne-Frank-Schule und der Evang.-Luth. School of Hope unterzeichnet.

Nach Israel reisende Touristen, auch Schülergruppen, haben in der Regel ausschließlich Kontakt mit Israelis und israelischen Institutionen. Wir hingegen wollen den Schülerinnen und Schülern der Anne-Frank-Schule die Möglichkeit bieten, jungen Israelis und Palästinensern zu begegnen und sich ein eigenes differenziertes Bild des Konfliktes im Nahen Osten zu machen.

Unsere Erziehungsziele

Das Jugendfriedensprojekt der Anne-Frank-Schule versteht sich als Beitrag zur internationalen Verständigung, zum Frieden in der Welt und zur Achtung der Menschenrechte. Wir wollen den Weg der Verständigung und Versöhnung in Israel und Palästina gehen.

Wir fühlen uns unserer deutschen Vergangenheit tief verpflichtet. Das drückt sich an unserer Schule in allen Jahrgangsstufen in der Auseinandersetzung mit dem unmenschlichen Regime des Nationalsozialismus aus, verdichtet in dem Schicksal Anne Franks.
Daraus resultieren die Erziehung zu Toleranz und demokratischem, gewaltfreiem Handeln, zum Eintreten für die Menschenrechte, wo auch immer diese verletzt werden.
Die „Bildung und die Erfahrungen unserer Schüler sollen Bausteine für den Frieden und die Verständigung zwischen den Völkern sein", so heißt es in der Partnerschaftsurkunde mit der School of Hope.

Öffentliche Veranstaltungen der Anne-Frank-Schule

Ziel unseres Projektes in der konkreten Arbeit mit unseren Schülern ist es, ihnen neben Kontakten mit Gleichaltrigen auch Veranstaltungen mit zum Teil hoch-rangigen Experten zu bieten, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit der NahOst-Problematik ermöglichen. Dabei ist die Anne-Frank-Schule bestrebt, Teil des kul-turellen Lebens der Stadt und der Region zu sein. Deshalb wenden wir uns im Rahmen unseres Projektes mit diesen Veranstaltungen immer auch an die städtische und regionale Öffentlichkeit.

Die Auswahl der Referenten darf sich nach unserer Überzeugung nicht orientieren an einer vordergründigen Ausgewogenheit im Sinne eines Proporzes der gängigen Positionen im NahOstkonflikt, sondern muss unseren Erziehungszielen verpflichtet sein. Konkret heißt das:
Wir empfinden die insbesondere deutsche Verantwortung für die jüdischen Menschen des Staates Israel in sicheren und völkerrechtlich gesicherten Grenzen. Das schließt revanchistische palästinensische Positionen, die den Staat Israel in den Grenzen von 1948 in Frage stellen ebenso aus wie israelische, die die seit 1967 anhaltende Besatzung palästinensischer Gebiete rechtfertigen.
Wir empfinden ebenso auch eine Verantwortung für die Menschen des palästinensischen Volkes. Die notwendige Lösung des Problems der 1948 vertriebenen und geflohenen Palästinenser darf dabei die Existenz des Staates Israel nicht in Frage stellen. Auch die Palästinenser haben das Recht auf eigenen lebensfähigen und sicheren Staat.
Positionen, die Gewalt als ein Mittel der Auseinandersetzung sehen, in welcher Form auch immer, sind für uns nicht akzeptabel. Die Menschenrechte sind unteilbar.

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Treffen mit dem Zeitzeugen Dr. Hajo Meyer 2008 in Amsterdam

Dass das Spektrum möglicher Referenten durch die genannten Kriterien eingegrenzt ist, dürfte deutlich sein. Dennoch ist es uns in den vergangenen Jahren gelungen, eine eindrucksvolle Veranstaltungsreihe zu präsentieren (Prof. Dr. Helga Baumgarten, Prof. Dr. Sumaya Farhat-Naser, Margret Greiner, Prof. Dr. Nazmi al'Jubeh, Dr. Hajo Meyer, Dr. Reuven Moskovitz, Dr. Rupert Neudeck, Prof. Dr. Yitzhak Schnell, Zvi Schuldiner, um nur einige der Bekannteren zu nennen).

Die Gütersloher Bürgerinnen und Bürger nehmen diese Veranstaltungen als Be-reicherung ihres kulturellen Lebens an. Auch durch unsere Aktivitäten ist in der Region ein Publikum gewachsen, das an religiösen, kulturellen, politischen und geisteswissenschaftlichen Fragen des Nahen Ostens interessiert ist.