Wenige Monate nach der Aufnahme der Unterrichtstätigkeit im Jahre 1985 im Gebäude an der Hohenzollernstraße gründete die Elternschaft der 1. Städtischen Gesamtschule einen Schulverein. Die handliche Informationsschrift aus dieser Zeit stellte die Gesamtschule als „Stätte pädagogischer Arbeit“ heraus und versprach, die Schülerinnen und Schüler „in ihrer jeweiligen individuellen Art, mit ihrem Lebensschicksal und Familienhintergrund, mit ihren Hoffnungen, Wünschen, Stärken und mit ihren Grenzen und Schwächen" zu fördern. Diese Zielsetzung lässt zwar eine fundierte lernpsychologische und gesellschaftspolitische Einstellung erkennen, aber noch keine auf eine Persönlichkeit ausgerichtete Erziehungs- und Bildungsarbeit. Ab 1987 diskutierte das Kollegium das von Michael Möhlen vorgeschlagene Leitmotiv „Gemeinsam Schule machen“ und die Frage einer Namengebung. „Der Name der Schule soll ein Orientierungspunkt für Wertentscheidungen sein", schrieb Gründungsrektor Reinhard Rolfes damals. In diesen Überlegungen trafen sich die Wünsche der Schulgemeinde mit offiziellen Verlautbarungen; so hatte Kultusminister Hans Schwier kurz vorher anlässlich einer anderen Gründungsfeier von der Chance „einer Auseinandersetzung mit historischem und politischen Erbe“  gesprochen. In der Schulkonferenz am 17.3.1988 stellten Schüler, Eltern und Lehrer nach einer außergewöhnlich gründlichen Vorbereitung unter der Leitung von Jürgen Hoffmann elf  Persönlichkeiten als Kandidaten vor. In dieser denkwürdigen Sitzung einigte sich die Konferenz darauf, dem Schulausschuss folgende vier Namen vorzuschlagen: Käthe Kollwitz, Anne Frank, Erich Kästner und Janusz Korczak." (Zitat aus der Dokumentationsschrift zur Namengebung, erstellt von Dieter Goecke, Wilfried Limper, Michael Möhlen, Reinhard Rolfes)  Nach einem nicht ganz einfachen politischen Entscheidungsprozess beschloss der Rat der Stadt am 29.4.1988, die erste Gütersloher Gesamtschule nach Anne Frank zu benennen.

Namensgebungsfeier in der Turnhalle mit Miep Gies 1988

Ein Ausschuss aus Eltern, Schülern und Lehrern befasste sich intensiv mit der Gestaltung einer für den Herbst vorgesehenen Namengebungsfeier, zu der dann neben vielen Ehrengästen Miep Gies mit ihrem Mann erschien und auf der sie in ihrer bescheidenen Art Fragen der Schülerinnen und Schüler u.a. zu ihren Rettungsbemühungen und zum Charakter Annes beantwortete. Den damals Anwesenden wird diese Feier in der Turnhalle des ehemaligen Schulzentrums West unvergesslich bleiben - wie auch das reichhaltige Rahmenprogramm der Schule, u.a. mit Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und die Kulturveranstaltungen der Stadt Gütersloh in den folgenden Wochen. Miep Gies besuchte die Schule in den darauffolgenden Jahren mehrfach und gab wiederholt ihrer Freude Ausdruck, dass die Anne-Frank-Schule Gütersloh so konsequent im Sinne Anne Franks und des Wortes „Erinnerung ist Geheimnis der Befreiung" (Baal Schems) ihre Bildungsarbeit gestaltet. Außerdem führte sie mehrfach Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-AG durch das Anne-Frank-Haus in Amsterdam.

Aktionen, wie die Lebensrettungskampagne für den kleinen farbigen Ebong, die Kleidungs- und Lebensmittelhilfe für Kroatien-Serbien und das äußerst erfolgreiche Wirken der Anne-Frank-AG unter Wilfried Limper zeigten, dass der Name der Schule schnell zum Programm wurde. Die jungen Schülerinnen und Schüler der Arbeitsgemeinschaft entdeckten auf dem jüdischen Friedhof in Gütersloh zwei Kindergräber aus den Jahren 1945/46, nach mühevollster zweijähriger Kleinarbeit deren Eltern und Geschwister in Israel und in den USA und das Schicksal von 830  jüdischen Zwangsarbeiterinnen, die am 1. April 1945 in Kaunitz (unweit Güterslohs) von Amerikanern befreit worden waren. Diese Forschungen führten nicht nur zu einem bemerkenswerten zweiten Platz 1992/93 beim bundesweiten Schüler-Wettbewerb der Körber-Stiftung unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten („Denkmal: Erinnerung-Mahnmal-Ärgernis") und zur am Ort sehr umstrittenen Errichtung einer Gedenktafel an der Befreiungsstätte, sondern zu etlichen weiteren Aktionen. Der Sonderband „25 Jahre Schülerwettbewerb „Spuren suchen" der Körberstiftung sprach von einem „wahren Dominoeffekt in Gütersloh" und zählte die Folgen auf:

  • Auszeichnung durch den Initiativkreis „Demokratische Handeln.
  • Einladung von elf ehemaligen Zwangsarbeiterinnen nach Gütersloh.
  • Ausstellung über die Ergebnisse der Ausgangsarbeit, die später an verschiedenen Orten gezeigt wurde.
  • Herausgabe einer Broschüre über alle Ereignisse durch die Stadt Gütersloh.
  • Herstellung des Filmes „Was uns bleibt" der Filmemacherin Barbara Lipinski über die Projektarbeit der Schüler und den Besuch des israelischen Gäste.
  • Die Nachfolgegruppe erhielt in dem Landeswettbewerb „Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus" einen ersten Preis.
  • Die erste Studienreise nach Israel führte in Yad Vashem zu einem Zusammen-treffen mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen aus dem KZ-Außenlager Lippstadt.