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Fotokurs 2022 – Sophie

Wahrnehmung ist so individuell wie die Menschen. Es gibt es kein richtig oder falsch, keine Normen, keine Regeln. 

Dieser Vieldeutigkeit von Perspektiven versuchte ich mit meiner Bildreihe gerecht zu werden. 

Zu Beginn meiner Arbeit setzte ich mich mit Gedichten auseinander, die die Wahrnehmung der äußeren, physischen Welt mit individuellen Deutungen verknüpfen und für den Leser vieldeutig sind.

Für die Weiterarbeit beschäftigte ich mich besonders mit Gedichten der englischen Poetin Emily Dickinson. Sie lebte von 1853 bis 1886 in Amherst Massachusetts.

Hauptthemen ihrer Gedichte waren das Leben, die Liebe und der Tod.

Nach einiger Überlegung entschied ich mich für das Gedicht Nr. 327: „Before i got my eye put out“, weil es ausdrücklich vom Sehen und dem Wunder der Wahrnehmung handelt.

Ins Deutsche lässt sich das Gedicht in etwa wie folgt übersetzen:

„Bevor ich mein Augenlicht verlor, mochte ich das Sehen so sehr wie alle anderen Menschen mit Augen, und ich hielt das Sehen für selbstverständlich, weil ich es so gewohnt war.

Aber wenn mir heute jemand sagen würde, dass ich den Himmel wieder sehen kann, würde mir das Herz in Anbetracht seiner schieren Größe brechen (vor allem im Vergleich dazu, wie klein ich bin).

Die Wiesen und Berge würden mir gehören, die Wälder und die endlosen Sterne auch. Ich könnte so lange in den Mittag hinausschauen, wie ich es ertragen könnte, und so viel aufnehmen, wie meine begrenzten Augen zulassen würden.

Ich würde Vögel auffliegen und tauchen sehen und das honigfarbene Morgenlicht würde auf die Straße fallen. Diesen Anblick könnte ich jederzeit genießen – und diese Vorstellung erschreckt mich zu Tode.

Es ist sicherer, mir die Welt in meiner Seele vorzustellen, wenn ich mich nur am Fenster ausruhe, während andere Menschen ihre Augen benutzen und sich nicht um die Gefahr der Sonne kümmern.“

Meiner Meinung nach spricht das Gedicht eindrucksvoll über die Fähigkeit zu sehen und wie unglaublich dieses Privileg ist jeden Tag etwas sehen zu können.

Wie in dem Gedicht beschrieben, nehmen wir das Sehen und die daraus resultierende Perspektive auf die Welt als etwas Selbstverständliches wahr, bis wir dieses Privileg nicht mehr besitzen. Die Welt und ihre Dinge werden selbstverständlich und banal, bis man sie nicht mehr sieht und dann erst merkt, was man verloren hat.

Deswegen habe ich meine Bilder so fotografiert und bearbeitet, dass man nicht auf Anhieb erkennt, was man da eigentlich sieht, sondern genau hinsehen und über das Wahrgenommene nachdenken muss.

Ich kann sagen, dass ich durch die Arbeit für dieses Projekt „bewusster sehe“ und die Wahrnehmung der Welt weniger selbstverständlich empfinde.

Gedicht Nr. 327

„Before I got my eye put out

I liked as well to see-

As other Creatures, that have Eyes

And know no other way-

But were it told to me- Today-

That I might have the sky

For mine – I tell you that my Heart

Would split, for size of me-

The Meadows- mine-

The Mountains – mine-

All Forest – Stintless Stars-

As much of Noon as I could take

Between my finite eyes-

The Motions of the Dipping Birds-

The Morning ´s Amber Road-

For mine- to look at when I liked-

The News would strike me dead-

So safer – guess – with just my soul

Upon the Window pane-

Where other Creatures put their eyes-

Incautious – of the Sun-„

Gedicht Nr. 288

„I’m Nobody! Who are you?

Are you – Nobody – too?

Then there’s a pair of us!

Don’t tell! they’d advertise – you know!

How dreary – to be – Somebody!

How public – like a Frog –

To tell one’s name – the livelong June –

To an admiring Bog!“

Sophie