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„Was uns bleibt…“ ist ein bewegendes Dokument zur Zeitgeschichte Ostwestfalens, ausgegraben von einer Arbeitsgemeinschaft der Anne-Frank-Gesamtschule, Gütersloh. Eigentlich wollten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 G nach ihrem Besuch auf dem jüdischen Friedhof nur die Geschichte eines Kindergrabes erforschen. Doch es entwickelte sich daraus eine umfangreiche Dokumentation über die Leidenswege der Eltern, die Lebensbedingungen jüdischer Zwangsarbeiterinnen in Lippstadt sowie ihre Evakuierung Ende März 1945 und ihre Befreiung auf einem Acker in der Nähe von Kaunitz am 1. April 1945…

Barbara Lipinska-Leidinger, geboren in Warschau, lebt seit 1971 in der Bundesrepublik und arbeitet als freischaffende Filmautorin, Regisseurin und Produzentin. Sie ist durch zahlreiche Kurzfilme bekannt geworden, wie „Zeit einer Mutter – Czas Matki“, „Lang-Zeit: Begegnung in einer Anstalt“, „Das Wiedersehen mit Zofia K.“, „Widok z X pietra  – Aussicht aus dem 10. Stock“, „Niepokorni kochankowie – Geschichten von der ungehorsamen Liebe“. Für den Film „Dobranoc – Gute Nacht“ erhielt sie 1992 den deutschen Kurzfilmpreis. Der Film “Was uns bleibt…” wurde 1995 in Gütersloh erstmals einem breiteren Publikum gezeigt. Er behandelt nicht nur ein bewegendes Stück Zeitgeschichte, sondern gibt zugleich Einblick in die Historie der ersten Gütersloher Gesamtschule.

Die Forschungen führten nicht nur zu einem bemerkenswerten zweiten Platz 1992/93 beim bundesweiten Schüler-Wettbewerb der Körber-Stiftung unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten („Denkmal: Erinnerung-Mahnmal-Ärgernis“) und zur am Ort sehr umstrittenen Errichtung einer Gedenktafel an der Befreiungsstätte, sondern zu etlichen weiteren Aktionen.

Über die Hintergründe des Films berichtete Wilfried Limper, Leiter der allerersten Anne-Frank-AG, die vor bald 30 Jahren die längst vergessene Geschichte hinter den zwei Kindergräbern auf dem Jüdischen Friedhof aufgearbeitet hat. Anwesen waren auch einige von seinen ehemaligen Schüler*innen, die mit ihm gemeinsam diese einmalige Forschungsarbeit geleistet haben.

Text: Michael Schüthuth

Fotos: Fabian Flöper

Weitere Informationen:

„Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es immer weniger Menschen, die als Zeitzeugen über den Holocaust berichten können. Umso wichtiger sind Dokumente wie der Film „Was uns bleibt“, für den die Autorin Barbara Lipinska-Leidinger mit der Kamera elf Frauen an die Orte ihrer Erinnerung begleitete. Die Frauen gehörten zu den rund 800 jüdischen Zwangsarbeiterinnen, die 1945 während eines Todesmarsches von Lippstadt in das KZ Bergen-Belsen auf einer Wiese in Kaunitz von amerikanischen Soldaten befreit wurden. (…)

In Auschwitz begann auch für einige der Frauen ihr Leidensweg. So etwa für Magda Müller. Sie war 16 Jahre alt, als ihre Heimat Ungarn 1944 von den deutschen Truppen besetzt wurde und alle jüdischen Frauen, Männer und Kinder deportiert wurden. Magda Müller kam gemeinsam mit ihrer Schwester (18) und ihren Eltern nach Auschwitz-Birkenau. Ihre Eltern sah sie bei der Ankunft zum letzten Mal. Auch ihre Schwester wurde wenig später ermordet. Allein auf sich gestellt, kam das Mädchen schließlich in einen Transport nach Lippstadt. Denn in Deutschland fehlten Arbeiter, und so wurden auch in den damaligen Lippstädter Eisen- und Metallwerken, einem Außenkommando des KZ Buchenwald, Zwangsarbeiterinnen eingesetzt, um Munitionsnachschub für die deutschen Truppen zu produzieren.  

Als die Alliierten 1945 immer näher rückten, wurden Magda Müller und ihre Leidensgenossinnen auf einen so genannten Todesmarsch geschickt, der sie in das KZ Bergen-Belsen führen sollte. Doch in Kaunitz kam für die ausgehungerten, vollkommen erschöpften Frauen endlich das Ende ihrer Leidenszeit: Die SS-Wachen flohen vor den herannahenden Amerikanern und die Frauen waren frei.  

Nachdem sie 1989 auf dem jüdischen Friedhof in Gütersloh zwei Kindergräber entdeckt hatten, war eine Schülergruppe der Anne-Frank-Gesamtschule Gütersloh auf das Schicksal der 800 in Kaunitz befreiten Frauen gestoßen und hatte ihre Geschichte recherchiert. Sie stellten Kontakt zu einigen der Frauen her und 1993 reisten elf der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen aus allen Teilen der Welt noch einmal nach Deutschland, um sich auf die Spuren ihrer Erinnerung zu begeben. Auch Angehörige der beiden Kinder, deren Gräber die Schüler entdeckt hatten, kamen und sahen zum ersten Mal, wo ihre Eltern befreit worden waren und in den ersten Nachkriegsmonaten gelebt hatten. (…)“

Aus: https://www.verl.de/leben-in-verl/aktuelles/artikel/gedenken-filmabend-was-uns-bleibt-im-heimathaus