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Miep-Gies-Weg

Mit Ratsbeschluss vom 29. April 1988 erhielt vor 30 Jahren die Anne-Frank-Schule ihren Namen, der von der Schulgemeinschaft als allfälliges Bekenntnis gegen Rassismus und fortwährenden Einsatz für Menschenrechte verstanden wird.

Anne Frank und ihre Familie konnten in ihrem Versteck nur ausharren, weil Miep und Jan Gies sie versorgten. Miep Gies war es dann auch, die das heute weltbekannte Tagebuch sicher stellte. Mehrfach war sie Gast in der Anne-Frank-Schule, von der sie sagte: „Ich habe viele Schulen in Europa besucht, aber so treu wie die Schule in Gütersloh ist keine andere.“ und regelmäßig begrüßte sie in Amsterdam die Anne-Frank-AG unter Leitung von Wilfried Limper. Anne Frank und Miep Gies, „beide Namen gehören zusammen“, stellte Bürgermeister Henning Schulz fest und sprach den Dank des Rates für die Initiative der AFS aus, Miep Gies durch eine Straßenbenennung zu ehren. Am 6. Juli 2018 wurde diese Ehrung in einem Festakt im Forum der Schule begangen und anschließend durch Schildenthüllung und Aufstellen einer Gedenk- und Informationstafel vollzogen.

Ton Lansink, niederländischer Generalkonsul in Düsseldorf, führte aus,  Miep Gies sei „kein Held, sondern ein normaler Mensch in schrecklicher Zeit“ gewesen, einer Zeit, deren Wiederkehr alle gewöhnlichen Menschen verhindern müssen, die die Freiheit verteidigen wollen und sich jeden Tag neu für die Freiheit entscheiden. Auch der Leiter des Anne-Frank-Zentrums in Berlin, Patrick Siegele,  charakterisierte Miep Gies als bescheidenen, zugleich entschlossenen Menschen: Sie hätte sich sicherlich gefreut, nicht um ihrer Ehrung willen, sondern weil die Benennung ein Denkanstoß sei. Ausführlich erinnerte der frühere und an der Namengebung aktiv beteiligte Schulleiter Reinhard Rolfes des Prozesses der Namensfindung, ausführlich legte er dar, mit welchen konkreten Schritten die Schulgemeinde in den Folgejahren ihrer Selbstverpflichtung, für Demokratie und Menschenrechte einzustehen, nachgekommen ist: „Diese Traditionslinie wird weiterlaufen und sie wird ermöglicht durch die tiefe Identifikation der Schule mit ihrer Namenspatronin.“

Anne Franks Auftrag lebt: v.l. Dimosthenis Koutsakis, Aleksandar Mitrović, Johannes Robers.

Dimosthenis Koutsakis (Schülersprecher), Aleksandar Mitrović (Anne-Frank-AG) und Johannes Robers (Projektkurs Jg. 12) zeigten, dass das Anliegen Miep Gies‘, sich gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung  zur Wehr zu setzen, in der Schulgegenwart vielfältig auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Bürgermeister Henning Schulz und Schulleiter Jörg Witteborg enthüllten dann Straßenschild und Informationstafel, während wie bereits zu Beginn das AFS Bläserensemble und der Schulchor Young Voices Beethovens „Ode an die Freude“ intonierten: „Alle Menschen werden Brüder …!“

Bild: Enthüllung der Informationstafel. v.l.: Altbürgermeister Karl Ernst Strothmann, Gert-Jan Jimmink (Amsterdam, Freund der Familie Gies)., Patrick Siegele, Johannes Robers, Dimosthenis Koutsakis, Wilfried Limper, Aleksandar Mitrović, Jörg Witteborg, Henning Schulz, Reinhard Rolfes, Ton Lansink

Fotos: Norbert Künzel

 

30 Jahre Namengebungsfeier – Einweihung Miep-Gies-Weg, Grußwort des Bürgermeisters Henning Schulz

Bei der Feier vor 30 Jahren, als diese Schule ihren Namen bekam, war ich selbst noch Schüler in Halle. Aber heute sitzen hier Menschen, die diesen Tag miterlebt haben. Mit einigen habe ich mich darüber unterhalten. Eines ist ihnen gemeinsam: Sie erzählen noch heute – nach drei Jahrzehnten – sehr berührt von der Begegnung mit Miep Gies. Sie kam damals mit ihrem Ehemann nach Gütersloh, um von Anne Franks Geschichte zu berichten. Es ist bekanntlich eine Erzählung aus erster Hand:

  • Miep Gies, die Frau, die zur Familie Frank und den anderen im Amsterdamer Hinterhaus den Kontakt hielt.
  • Miep Gies, die das Tagesbuch der Anne Frank rettete und die damit selbst zu einer Figur der Weltgeschichte wurde.

Eine kleine, freundliche, lebhafte ältere Dame mit leicht wienerischem Akzent – so wird sie beschrieben – die bis in ihr ganz hohes Alter weltweit unterwegs war – als Zeitzeugin ebenso wie als Botschafterin für die Werte, die Millionen Menschen in aller Welt mit dem Namen Anne Frank verbinden: den Kampf gegen Ausgrenzung und Rassismus, den Einsatz für Toleranz und Menschlichkeit und das „Nie wieder“ vor dem Hintergrund menschenverachtender Ideologien.

Miep Gies war nicht nur dieses eine Mal zu Gast in Gütersloh. Sie pflegte – ich glaube, das darf man so sagen – eine Freundschaft zum Ehepaar Rolfes. Und so wurde ein Band geknüpft zwischen Gütersloh und Amsterdam, das weit hinausreichte über eine Namensgebung und die damit verbundene Symbolik.

Rund 250 Schulen auf der Welt tragen den Namen von Anne Frank. Für alle sind die genannten Botschaften und Werte Programm, so auch für unsere Anne-Frank-Gesamtschule in Gütersloh. Hier jedoch blieb die Wirkung nicht allein auf die Schule beschränkt: Die Anne-Frank-Arbeitsgemeinschaft erforschte unter der Leitung von Wilfried Limper Anfang der Neunziger Jahre die Geschichte zweier Kindergräber auf dem Jüdischen Friedhof an der Böhmerstraße und brachte damit die Geschichte von Zwangsarbeiterinnen ans Tageslicht, die im Zweiten Weltkrieg in die Region verschleppt und hier in der Nähe (Verl-Kaunitz) von amerikanischen Truppen befreit wurden. Die Erforschung der Geschichte der Zwangsarbeit in Gütersloh führte schließlich zu Einladungen an ehemalige Zwangsarbeiter und –arbeiterinnen. Zu einem Zeitpunkt, als die Frage der Entschädigung für die Opfer noch alles andere als sicher war, hat Gütersloh damit ein Zeichen gesetzt, was seinerzeit auch medial aufmerksam wahrgenommen wurde. Seinen Ursprung fand das letztlich in dem Profil der Schule, für das der Name Anne Frank steht.

Weitere Beispiele wären zu nennen: Der Kontakt zu Israel und Palästina, außergewöhnliche Ausstellungsprojekte in Zusammenarbeit mit dem Anne-Frank-Zentrum, preiswürdige Schülerarbeiten und vieles mehr. Der Name ist Programm – selten lässt sich dieser Satz so auf den Punkt bringen.

Der Kontakt zu Miep Gies ist zu ihren Lebzeiten niemals abgerissen. Sicherlich, weil sie nicht als „Figur der Zeitgeschichte“ auftrat, sondern als Frau mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, die sich besonders jungen Menschen – eben den Jungen und Mädchen im Alter von Anne Frank – immer besonders verbunden gefühlt hat. Und die vor allem selbst ein Beispiel war für Mut und Zivilcourage. Das alles wollen wir heute würdigen, indem wir einen Weg nach Miep Gies benennen. Die Idee ist logisch und folgerichtig, denn beide Namen gehören zusammen. Das Tagebuch der Anne Frank führt uns vor Augen, was es bedeutet, ausgegrenzt, gedemütigt und in Angst zu leben, versteckt auf engstem Raum und doch voller Hoffnung auf eine bessere Zeit. Aber ohne Miep Gies würden wir dieses Tagebuch und alles, was damit verbunden ist, wahrscheinlich nicht kennen. Jetzt schließt sich der Kreis und wir setzen ein Zeichen dankbarer Erinnerung.

Am Schluss meines Grußworts soll deshalb ein Zitat von Miep Gies stehen, eine Antwort auf die Frage, ob sie sich ihres besonderen Mutes bewusst gewesen sei, als sie den Kontakt zu den Menschen im Versteck hielt. Miep Gies sagt: „Wenn die Leute glauben, ich sei etwas Besonderes, eine Art Heldin, befürchte ich, sie könnten bezweifeln, dass sie damals dasselbe getan hätten wie ich.

Nicht viele Menschen halten sich für besonders mutig, und das könnte sie womöglich davon abhalten, Mitmenschen in Not zu helfen. Deswegen möchte ich gern allen versichern, dass ich eine ganz normale und vorsichtige Frau bin und ganz bestimmt weder außergewöhnlich noch tollkühn. Ich habe geholfen, wie so viele andere, die ein genauso großes oder vielleicht ein noch größeres Risiko eingegangen sind wie ich. Es war notwendig, und deswegen habe ich es getan.”

Herzlichen Dank – auch im Namen des Rates – für die Initiative zur Benennung des Weges.

Rede des Generalkonsuls Ton Lansink auf der Schulfeier zur Eröffnung des Miep-Gies-Weges

„Miep Gies, geborene Hermine Santrouschitz, war eine mutige Helferin von Anne Frank und den anderen Bewohnern des Verstecks der Familie Frank und van Pels.

Miep Gies stand direkt hinter ihren Mitmenschen, als es am meisten gebraucht wurde.

Aus voller Überzeugung und unter Lebensgefahr. Weil sie es inakzeptabel fand, dass andere Menschen für das, was sie waren, ausgeschlossen, verfolgt und ermordet wurden.

Später schrieb sie darüber: „Ich bin kein Held. (…) Meine Geschichte ist die Geschichte ganz normaler Menschen in einer außerordentlich schrecklichen Zeit. Eine Zeit wie diese, so hoffe ich sehr, wird nie wiederkommen. Es liegt an allen gewöhnlichen Menschen auf der ganzen Welt, das zu verhindern.“ Ende Zitat.

Und diese gewöhnlichen Menschen – das sind wir.

Wir sind hier in der Erkenntnis, dass es an uns liegt, diese Freiheit weiterhin zu schätzen und zu verteidigen.

Wir sind selbst nur dann wirklich frei, wenn andere in Freiheit leben können.

In Europa. Und überall dort, wo Menschen unter Gewalt leiden und in Unfreiheit leben.

Miep Gies handelte und half ihren Mitbürgern, als sie von diesen darum gebeten wurde.

„Ich bin nur ein gewöhnlicher Mensch“, schrieb sie in ihren Erinnerungen.

Und: „Ich war nur bereit, das zu tun, was von mir verlangt wurde und was damals notwendig schien.“

Das ist auch unsere Aufgabe.

Das ist eine Verpflichtung, die wir haben.

Nicht wegschauen im Falle von Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Sondern sich entscheiden für Freiheit und Verantwortung.

Jeden Tag.“

Rede des ehemaligen Schulleiters Reinhard Rolfes

Liebe Mitglieder der Schulgemeinde, werte Gäste!

Ich wurde gebeten, von der Namengebungsfeier am 3. September 1988 und den Folgen dieser Entscheidung zu berichten – und dabei  Frau Gies, die wir Miep Gies nennen durften,  zu charakterisieren. Auftrag war nicht, über die Gründung dieser ersten Gesamtschule in Gütersloh, die politischen Prozesse und Pionierjahre zu sprechen.

Im dritten Aufbaujahr entschied die Lehrerkonferenz, der noch „gesichtslosen“ Schule – sie hatte aber bereits 500 Schülerinnen und Schüler –  einen Namen zu geben.

In einer denkwürdigen Schulkonferenzsitzung  stellten Eltern, Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer durchdacht und engagiert ihre Kandidaten vor, elf an der Zahl.  Nach dem Votum der Schule und einem nicht ganz unumstrittenen Prozess entschied sich der Rat der Stadt schließlich für den Namen Anne Frank.

Der sofort eingerichtete Ausschuss von Eltern, Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen und Lehrer bereitete dann intensiv die für September vorgesehene Namengebungsfeier vor, die von einem qualitätsvollen Begleitprogramm der Stadt ergänzt wurde und die – da das Schulzentrum West keine Aula besaß in der Turnhalle des Schulzentrums West stattfinden musste.                                             

Normal war es, dass man die organisatorischen Fragen (Rahmen, Ehrengäste, Presseinformationen, Sitzordnung…)   sehr gewissenhaft  löste, sich Eltern an Programmpunkten (z.B. Lesen von wichtigen Stellen aus dem Tagebuch der Anne Frank) und an der Organisation beteiligten und auch die Schülerschaft Aufgaben  übernahm (z.B. Fragen an Miep Gies zu stellen).

Eine große Bereicherung war, dass eine Lehrerin  einer anderen Schule, mit jüdischer Kultur besonders vertraut, die Einübung einiger Tänze mit einer Kollegin der Gesamtschule übernahm.

Herr Schäfer vom Gymnasium  Halle, Leiter einer Theater-AG, die das bekannte Theaterstück  über die Eingeschlossenen im Hinterhaus mit großem Erfolg aufgeführt hatte, war bereit, im Rahmen  unserer Veranstaltung  eine aussagekräftige Spielszene (Peter und Anne auf dem Dachboden im ernsten Gespräch) anzubieten. Er  konnte die beiden Laienspieler Silke Zurmühlen  und Ulrich Sasse für diese Aufgabe  gewinnen.

Ein Glücksfall ohnegleichen aber war die Teilnahme von  Miep Gies an der Feier. Sie las nicht nur, mit klarer Stimme und  sehr authentisch, eindrucksvolle Passagen aus „Meine Zeit mit AnneFrank“vor,  sondern  beantwortete auch, wiederum sehr konzentriert und überzeugend, Schülerfragen z.B. zum Charakter Annes, zur Situation der Eingeschlossenen, zu der riskanten und aufwändigen Lebensmittelbeschaffung, zu Ängsten und kritischen Entwicklungen im Versteck…       

Formale Höhepunkte der  Namengebungsfeier  (Patronin Anne Frank) stellten zwei offizielle Akte dar:

Zum einen die feierliche Enthüllung der Schrifttafel  (mit dem freundlich dreinschauenden  Mädchen Anne) durch den Herrn Bürgermeister Strothmann.  (Heute noch beeindruckend das Foto mit dem Schüler vor dem Text aus dem Tagebuch : „Ich glaube trotz allem an das Gute im Menschen…“ )

Zum anderen das Niederlegen eines Kranzes vor dem Synagogengedenkstein in der Stadtmitte mit dem Ehepaar Gies, Jehuda Barlev, dem letzten überlebenden jüdischen Bürger Güterslohs, weiteren Zeitzeugen und offiziellen Vertretern (Anne-Frank-Haus, Amsterdam).    

Diese Namengebungsfeier, von allen Seiten gewürdigt, beseitigte viele Vorurteile über die Gesamtschule und löste eine Reihe von Aktivitäten aus, auf die jetzt – auftragsgemäß – einzugehen ist.

Die Bildungsarbeit bekam selbstverständlich einen neuen Akzent. Verpflichtende Unterrichtsziele wurden die gründliche Auseinandersetzung mit dem Nationalismus, das Kennenlernen des Schicksals Anne Franks (festes Programm für alle 5.Klassen) und der Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde Gütersloh und der Kampf gegen Unrecht, Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus…

Aus dieser Sensibilisierung, dem Willen zur Übernahme von Verantwortung, dem Ja zu konkreten Hilfsmaßnahmen  erwuchsen  prägende Aktivitäten:

Das Riesenengagement der gesamten Schulgemeinde und Teilen der Bevölkerung zur Rettung Ebongswird vielen unvergesslich bleiben. Die Kolleginnen Renate und Hiltraud Moenikes hatten uns auf das Schicksal dieses  afrikanischen Jungen aufmerksam gemacht. Ohne Herzoperation war er nicht überlebensfähig. Die Spender brachten 100 000 DM auf, Ebong wurde gerettet.                    

Ähnlich erfolgreich waren die gewaltigen Kleider-und Lebensmittelhilfsaktionen für  kriegsgeschädigte Bewohner Kroatiens und Serbiens (45 Tonnen pro Transport).

Glänzende Inszenierung  des gesellschaftskritischen Musicals  „Hilfe, die Herdmanns kommen“, die mit dem Namen Winfried Osthues verbunden bleiben wird.

Die „Deutschlandrevue“  (kritischer Rückblick auf deutsche Geschichte 1945 -1994 in selbstgestalteten Szenen,  „jugendfrech“ und „höchstkreativ“ ); Regieteam um Robert Bausch – großartige Resonanz.

Diese Linie, nämlich zeitkritische Theateraufführungen und mitreißende Musikveranstaltungen durchzuführen, konnte bis in die Jetztzeit beibehalten werden. Eine Aufzählung aller Produktionen  der 30 Jahre ist hier jetzt nicht möglich.  Beispiele in dieser Woche sind die Aufführung „Weiter mit dem Wahnsinndes Literaturkurses der Jahrgangsstufe 12 über unsere Zeit, die „aus den Fugen ist“ (Leitung: Dr. Bernward Fahlbusch) und das Konzert der Bläserklasse. Eine besondere Erwähnung aber verdient die von Wilfried Limper 1989 gegründete Anne-Frank-Arbeitsgemeinschaft.

Wie allgemein bekannt, entdeckten die neun Schülerinnen und Schüler der AG beim Laubharken auf dem jüdischen Friedhof zwei Kindergräber aus dem Jahre 1946.                        

Rätselhaft. Die jüdische Gemeinde war ausgelöscht – wie konnte es sein, dass nach dem 2.Weltkrieg hier zwei Kinder beerdigt wurden?  Eine zweijährige, bewundernswerte Forschungsarbeit  klärte die Zusammenhänge, nämlich die völlig unbekannte Geschichte der 830 überwiegend jüdischen Zwangsarbeiter,  die im Sommer 1944 von Auschwitz nach Lippstadt zur sklavenhaften Rüstungsarbeit gebracht  und schließlich 1945 in Kaunitz auf einem Todesmarsch von Amerikanern befreit wurden.

Was  sich dann aus dieser Entdeckung der AG für die Anne-Frank-Gesamtschule entwickelte, ist mehr als bemerkenswert, man hat mit Recht von einem Dominoeffekt gesprochen:

Die Verschriftlichung der Vorgänge und Forschungswege führte im Rahmen des Wettbewerbes der Körberstiftung zu einem 2.Preis auf Bundesebene. Die Stadt Gütersloh gab eine Dokumentation („Die Kindergräber von Gütersloh“) heraus.

11 ehemalige jüdische  Zwangsarbeiterinnen, 1944/45 in Lippstadt gequält und  ausgebeutet, wurden 1993 in aller Welt ermittelt und nach Gütersloh eingeladen und stellten sich unseren Schülerinnen und Schülern als Zeitzeugen zur Verfügung. Nach schwierigen Verhandlungen wurde in Kaunitz eine Erinnerungstafel aufgestellt. 

Eine weitere Schülergruppe unter Gunar Weykam gestaltete  die Ausstellung „Jüdische Lebenswege“, die an verschiedenen Stellen, u.a. im NRW-Landtag, gezeigt wurde.

Die Filmemacherin Lipinska-Leidinger schuf einen vielbeachteten Film über die AG-Leistung und den Besuch der jüdischen Frauen.

Im Zusammenhang mit den Recherchen des Kollegen Jürgen Zimmermann über die generelle Zwangsarbeitersituation im 2. Weltkrieg  entstand auf Anregung des Kunstlehrers Gunar Weykam die 2,60 m hohe Bronze-Skulptur  der ehemaligen Schülerin Sonja Gerdes. Dieses ausdrucksstarke Kunstwerk wurde 2001 mit tatkräftiger Unterstützung der Stadt Gütersloh an der Stadtbücherei  errichtet. 1996 wurde die erste Studienfahrt nach Israel durchführt.

Gemäß dem Motto „Musik verbindet Völker“ gab und gibt es im Musikbereich immer wieder neue Ideen: z.B.  Auftragsarbeiten an den Komponisten Helmut Bieler-Wendt „Das Hinterhaus“ und „Hope“ (Zusammenführen arabischer und jüdischer Melodien); Anregungen von  Ludwig Stienen, musikalische Realisation: die nimmermüde Gudrun Pollmeier mit der Schulband.

Schülerbezogene Ausstellungen, für Unterrichtszwecke eine große Chance, gibt es auch seit 30 Jahren: die erste, noch in der Hohenzollernstraße „Anne Frank“, die vorletzten „Was heißt hier Frieden?“ undDie Opfer der NSU“(Michael Schüthuth).

Zurück zum Ausgangspunkt. Herr Limper hat inzwischen mit der Anne-Frank-AG 25 mal Amsterdam aufgesucht. In den ersten Jahren hat es sich Miep Gies nicht nehmen lassen, die Gütersloher Gruppen selbst durch das Anne-Frank-Haus zu führen. Auch nach der Pensionierung führte der von der Stadt ausgezeichnete Kollege zusätzliche Studienfahrten mit ungewöhnlichen Programmen durch.  Über 350 Schülerinnen und Schüler haben von seinem Ideenreichtum und Engagement profitiert (siehe auch die Vitrine am Eingang des Forums).

Das muss „unsere“ Miep Gies auch gespürt haben. Einige Male war sie an der Anne-Frank-Gesamtschule und hat, hochbetagt, aber unermüdlich, unseren Schülerinnen und Schülern  aus ihrem Leben berichtet.    

Dabei wurde uns zweierlei klar:

Ihre Persönlichkeit und ihr Stil faszinierten. Sie war authentisch, blieb natürlich und in sich ruhend, strebte nicht nach Anerkennung und Lob, sie konnte gut zuhören, „hatte eine unkomplizierte und herzliche Art im Umgang mit Menschen(Zitat von Susanne Zimmermann), vertrat ihre Meinung deutlich, aber ohne Schärfe, war unerschrocken und  forderte aus einer Besorgnis heraus und mit Nachdruck – Werte ein, die uns, jetzt in besonderem Maße, wichtig sind: Kampf für Demokratie, Abbau von Ungerechtigkeiten, Verwirklichen von Menschenrechten…

Sie hat in den Wirren der deutschen Besatzung der Niederlande das Tagebuch von Anne Frank  gerettet. Millionen Menschen haben es gelesen. Es gehört zur Weltliteratur. Das hat mit Gütersloh nur indirekt zu tun!

Die Anne-Frank-Gesamtschule in Gütersloh verdankt Miep Gies die  besonders tiefe Identifikation der Schulgemeinde mit der Patronin. Durch Miep Gies Hintergrundinformationen, lebendige Schilderungen der Situation 1942-46, schülernahe, aufrüttelnde  Begegnungen wurden Hunderten von Schülerinnen und Schülern Anne und ihre „Mission“ nahegebracht. 

Nach meiner Pensionierung, 2002, haben meine Frau und ich Miep Gies in Hoorn besucht. In diesem Zusammenhang erfuhr sie von uns, dass die Anne-Frank-Gesamtschule neben den ihr bekannten Verbindungen zu israelischen Bürgern auch Kontakte mit der palästinensischen Seite aufgenommen hatte und dass den federführenden Kollegiumsmitgliedern, Frau Kappler und Herrn Weykam, ein trilateraler Ansatz  vorschwebte , d.h. gleichzeitige Begegnungen von Israelis, Palästinensern und Deutschen mit Erfahrungsaustausch, gemeinsamer Fortbildung und  Versöhnungsbemühungen. Sie nahm diese Informationen  auf, hatte keine Einwände, konnte aber die Konsequenzen aufgrund dieser wenigen Hinweise kaum einschätzen.

Heute aber wissen wir, dass der Kontakt zur palästinensischen  Seite sehr fruchtbar geworden ist. Über 250 Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Gesamtschule haben an diesem Jugendfriedensprojekt bisher teilgenommen. Sie gewannen  ein vertieftes Verständnis für Menschen anderer Herkunft, Kultur und Religion und  ein differenziertes Bild über die komplizierte Lage im Nahen Osten.   Einige herausragende Veranstaltungen folgten:

1999 nahm eine 12köpfige Lehrergruppe aus Gütersloh Kontakt mit der School of Hope in Ramallah auf.

2002 gemeinsame Fortbildung  von Lehrerinnenund Lehrern beider Schulen und die feierliche Unterzeichnung  der Partnerschaftsurkunde.

2006 Auszeichnung der Projektarbeit „Mut zum Dialog“.

2015 Auszeichnung Projektwettbewerb (Collagen) „Lebenswirklichkeit in Palästina“.

Die in diesem Zusammenhang genannten Kollegen, ergänzt durch Ludwig Stienen  und andere  wichtige Persönlichkeiten der Region, gründeten 2004 die Stiftung „Begegnung. Stiftung Deutsch-Palästinensisches Jugendwerk“. Diese verdienstvolle  Einrichtung ist aus der schulischen Arbeit erwachsen, aber in ihren Aktionen autonom, fördert aber die pädagogisch-politische Intention der Anne-Frank-Gesamtschule wie  zum Beispiel hier im Forum diese aktuelle Ausstellung „Ride for Justice“der Ethnologin und Dokumentarfotografin Anika Machura.

Der Dezernent in Detmold schrieb schon vor 15 Jahren, dass der Name Anne Frank für die Gesamtschule in GT  „in besonderem Maße Programm und Verpflichtung war“.  Und dieses Urteil gilt wohl bis heute.

Ausgerechnet in diesem Jahre – 30 Jahre nach der Namengebungsfeier – gab ein ehemaliger Kollege der Anne-Frank-Gesamtschule, Jürgen Zimmermann, einen Gedichtband heraus. In ihm finde ich ein ungewöhnliches Gedicht über Anne Frank:

mit nur 14 jahren in bergen-belsen

gestorben worden

schrieb tagnächtlich augenblicke

aus fensterritzen in tagebücher

erotischpolitischsanftgiftige texte

zu dem hinterhofversteck

zuletzt fragend: mensch hitler

wie gefiel ihnen meine gebrochene handschrift?

Die Anne-Frank-Gesamtschule hat ihre Verpflichtungen aus der Namengebungsfeier ernstgenommen und ihre pädagogisch-politische Linie  fortgesetzt. Man kann also ein gewisses konsequentes Verhalten feststellen, das Miep Gies offenbar schätzte, als sie 1993 schrieb: „Ich habe viele Schulen in Europa und Amerika besucht, aber so treu wie die Schule in Gütersloh  ist keine andere!“ 

Rede des Schülersprechers Dimosthenis Koutsakis

Sehr geehrte Gäste, Eingeladene der Stadt, des Auslands und Mitglieder der Schule:

Mein Name ist Dimosthenis Koutsakis und ich bin Mitglied des Projektkurses “Erinnern für die Zukunft” des 12. Jahrgangs und vertrete außerdem unsere SV. Auch unsere Beteiligung als Schüler dieser Schule ist von enormer Wichtigkeit und zeigt, dass die Lehrer und Lehrerinnen mit ihren Aktionen nicht allein stehen.

Wir ehren mit der Benennung des Weges eine besondere und natürlich zukunftsweisende Frau, die genauso wie unsere Namensgeberin Anne Frank ein leuchtendes Beispiel für Mut und Toleranz in schwierigen Zeiten darstellt.

Miep Gies ist als wichtigste Helferin der Familie Frank, der Familie van Pels sowie von Fritz Pfeffer und als Schlüsselfigur der Unterstützung von Untergetauchten und Verfolgten in die Geschichte eingegangen. Geboren als Hermine Santouschitz in Wien, kam sie aufgrund der schlechten Versorgungslage in Österreich schon als junges Mädchen in die Niederlande und wuchs fortan dort auf. Nach ihrer Schulzeit bekam sie eine Stelle in Otto Franks Firma Opekta. 1940 besetzten deutsche Truppen die Niederlande und die Judenverfolgung begann auch dort.

Die Familie Frank tauchte am 6. Juli 1942 in dem Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263 unter. Später zogen auch die van Pels und Fritz Pfeffer zu ihnen ins Versteck.

Miep Gies als Helferin spielte dabei eine sehr wichtige Rollen, da sie anfangs zusammen mit Otto Frank für die ausreichende Ausstattung des Hinterhauses sorgte und die Familie über mehr als zwei Jahre mit Nahrung und Information versorgte.

Als es 1944 zum Verrat kam, wurden die Untergetauchten über Westerborg nach Auschwitz deportiert, von wo sie dann auch verschiedene Konzentrationslager verteilt wurden. Otto Frank, der für Deutschland im Ersten Weltkrieg gedient hatte, kehrte als einziger nach Amsterdam zurück. Nachdem er befreit worden war, nahm er sofort Kontakt zu Miep Gies auf. Sie leistete einen weiteren erheblich wichtigen Beitrag zur Hilfe der Erinnerung der Opfer des Nationalsozialismus. Sie fand das Tagebuch von Anne Frank im verlassenen Hinterhaus, versteckte es und gab es schließlich Annes Vater persönlich.

Miep Gies war die bedeutendste der Helfer bei der Unterbringung der Verfolgten. Ohne ihre Hilfe hätte Anne Frank niemals die Möglichkeit gehabt im Hinterhaus ihr heute weltberühmtes Tagebuch zu schreiben.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, der eine unvorstellbare Tragödie für einzelne Leben, Beziehungen, Gesellschaften und Kulturen zur Folge hatte, engagierte sich Miep Gies weiterhin gegen Hass und Intoleranz. Besonders lag es ihr am Herzen, junge Menschen aufzuklären und für Toleranz und Mitmenschlichkeit zu sensibilisieren.

Um ihre Bedeutung unterstreichen und würdigen zu können, möchte ich an dieser Stelle unseren ehemaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zitieren:

“Wenn wir Gedenken ernst nehmen, so müssen wir jeder Zeit, jeder Generation zugestehen und zumuten, eigene Fragen zu stellen und ein jeweils eigenes Gedenken zu entwickeln – kein Vergessen, sondern Erinnern: stets neues Mitfühlen, Mitdenken. Wir sind dazu verpflichtet, jede Form von Hass, Intoleranz, Diskriminierung, Ausgrenzung und Antisemitismus entschieden zu bekämpfen.”

Rede des Schülers Aleksandar Mitrović

Auch ich begrüße Sie als Mitglied des Projektkurses Geschichte „Erinnern für die Zukunft“ und der Anne-Frank-AG ganz herzlich zu dieser Feierlichkeit.

Nun sind es schon 30 Jahre, dass unsere Schule den Namen Anne Frank trägt.

Seit jeher sind wir bemüht diesem Namen auch gerecht zu werden.

Uns begleitet die Geschichte von Anne Frank täglich und somit setzten wir uns für ein friedliches Miteinander ein.

Bei der Aufarbeitung von Anne Franks Geschichte, vor allem auch bei der Anne-Frank-AG, stießen wir häufig auf einen weiteren wichtigen Namen – MIEP GIES.

Eine Frau mit großem Mut und viel Courage, die mit ihren Mithelfern dafür sorgte, dass die Franks, van Pels` und Fritz Pfeffer über zwei Jahre in ihrem Versteck überleben konnten.

Sie ist diejenige Person, die es Anne Frank möglich machte, ihren großen Wunsch als Schriftstellerin, leider erst nach ihrer Ermordung, zu verwirklichen.

Ohne Miep Gies wäre und Anne Frank heute kein Begriff und ihre Leidensgeschichte unbekannt.

Wir als Schüler dieser Schule setzen uns entschieden gegen jede Art von Diskriminierung und Rassismus ein und unterstützen diejenigen die unsere Hilfe brauchen.

Deshalb sind wir die SCHULE OHNE RASSISMUS, SCHULE MIT COURAGE.

Nun gebe ich weiter an Johannes!